Vorige Epilogseite

Epilog

Version aus Eine Jugend in Deutschland

Ein Schwalbenpärchen hat sich in meiner Zelle eingenistet. Einen Sommer lang lebt es bei mir. Es baut ein Nest, die Schwälbin brütet, das Männchen unterhält sie mit trillerndem Lied. Junge entschlüpfen, die Eltern füttern sie, lehren sie fliegen, eines Tages kehren sie nicht mehr zurück. Wieder ziehen die Alten Junge auf, aber der Frost, der vorzeitig den Sommer überfällt, tötet sie, stumm aneinander geschmiegt trauern die Eltern um die gestorbenen Kinder. Im Herbst ziehen sie davon in südliche Länder. Unendlich beschenkt mich dieser Sommer. Die scheuen Tierchen haben sich so an mich gewöhnt, dass sie, wenn ich am Tisch arbeite, auf die Lampe sich setzen und miteinander zwitschern und spielen. Ich bin still und glücklich und dankbar.

Was ich gesehen und beobachtet, gefühlt und gedacht, schreibe ich nieder in einem kleinen Buch. Ich nenne es „Das Schwalbenbuch“. Es ist wahrhaftig ein ungefährliches Buch, aber der Staatsanwalt beschlagnahmt das Manuskript. Seine Verbreitung, schreibt er im hässlichen Stil der behördlichen Sprache, würde dem Strafvollzug Nachteile bereiten, das Buch enthalte agitatorische Stellen in solcher Häufung, dass es als Hetze wirke.

Ich beschwere mich beim deutschen Reichstag. Ich schreibe:

 

»Ich habe nie um Gnade für mich gebeten. Ich will auch heute keine Gnade von Ihnen. Ich erwarte, dass Sie mir zu dem Recht verhelfen, dass ich als politischer „Ehrenhäftling“ beanspruchen darf. Unter dem barbarischen Regime der Zarenknute war es in Russland eingekerkerten Schriftstellern möglich, sich die Freiheit des Geistes zu retten. Im Freistaat Bayern wird, im Jahre 1923, die Freiheit des Geistes als Verbrechen geahndet.

Ich habe geschwiegen, als der Festungsvorstand mir vor einigen Monaten in gesetzwidriger Weise verbot, mit einer Verwandten, die Ärztin ist, und die mich besuchte, über meinen Gesundheitszustand zu sprechen.

Ich habe, aus dem Gefühl der Verachtung, bei Vorfällen geschwiegen, die ebenso eindeutig das vollkommene Fehlen jeder Rechtsnorm im Strafvollzug für bayerische sozialistische Gefangene dartun.

Ich habe, aus dem Gefühl der Verachtung, geschwiegen, als bayerische Behörden von der Tribüne des Landtags herab und in der Presse mich, den Wehrlosen, mit Schmutz bewarfen.

Ich habe, aus dem Gefühl der Verachtung, geschwiegen, als die Festungsverwaltung durch Beschlagnahme der Zeitungen verhinderte, dass ich wenigstens vom genauen Inhalt der Anwürfe Kenntnis bekäme.

Ich habe mich darauf beschränkt, die unzähligen Eingaben zu unterstützen, die von den Festungsgefangenen bei den verschiedenen Landes- und Reichsstellen eingereicht wurden.

Einmal allerdings schwieg ich nicht: als ich nach dem entsetzlichen Tod August Hagemeisters den Anstaltsarzt beim Ersten Staatsanwalt in Neuburg wegen fahrlässiger Tötung anzeigte. Damals musste ich erkennen, dass es für den sozialistischen Gefangenen in Bayern kein geschriebenes Recht gibt. Ich als Anzeigender wurde nicht einmal vernommen.

Heute wende ich mich an den Deutschen Reichstag.

Wollen Sie dulden, dass einem Strafvollzugsbeamten das Recht zugesprochen wird, Werke der deutschen Literatur nach Belieben zu unterdrücken? Wollen Sie dulden, dass ein Gefangener, nur weil er revolutionärer Sozialist ist, in der Republik Deutschland außerhalb des Gesetzes steht?«

 

Der Reichstag würdigt mich keiner Antwort. Ich helfe mir selbst. Ein Freund stenographiert das Schwalbenbuch auf einen handgroßen Zettel mit winziger Schrift, ein Gefangener, der entlassen wird, trägt ihn in seinem Körper in die Freiheit und sendet ihn dem Verlag, der das Buch druckt.

Der Staatsanwalt rächt sich auf seine Weise. Vögel bauen nur dann in überdachten Räumen, wenn das Fenster nach Osten sich wendet. Ich muss meine Zelle verlassen und in eine nördliche ziehen.

Im nächsten Frühling kommen die Schwalben wieder, kommen von irgendwo, aus Urwaldlandschaft und Sonnentraum. Unter hunderten von Gefängnissen finden sie unser Gefängnis, unter hunderten von Zellen meine. Sie beginnen ihr Nestchen zu bauen, auf Befehl des Staatsanwaltes poltern Aufseher in die Zelle und reißen das fast vollendete Nest mit gleichgültig roher Gebärde hinunter.

Wie erschrecken die Schwalben, als sie ihre Wohnung nicht mehr finden. Mit ihren Schnäbeln ziehen sie suchend den Halbkreis des Nestes, flattern ängstlich umher, blicken in alle Winkel der Zelle. Aber schon am nächsten Tag beginnen sie wieder zu bauen. Wieder zerstören die Wächter das Nest.

Der neue Zelleninsasse, Maurer in einem bayerischen Dorf, schreibt dem Staatsanwalt diesen Brief:

 

Herr Festungsvorstand!

Ich bitte den Herrn Festungsvorstand, den so schwer geprüften, geduldigen und überaus nützlichen und fleißigen Tierchen ihr so hart und schwer erkämpftes Nestchen belassen zu wollen. Ich erkläre, dass dieselben mich nicht im Geringsten stören und auch nichts beschädigen. Erwähnen möchte ich noch, dass in verschiedenen Gefängnissen Schwalbennester sich befinden und dieselben bei schwerer Strafe nicht zerstört werden dürfen.

Hochachtungsvoll

Rupert Enzinger aus Kolbermoor

 

Staatsanwalt Hoffmann erteilt den lakonischen Bescheid: „Schwalben sollen im Stall bauen, da ist Platz genug“.

Das Nest, das inzwischen sich rundet, verfällt dem Spruch. Dem Gefangenen wird eine Zelle gen Norden gewiesen, die andere zugesperrt.

Verwirrt, leidenschaftlich erregt, fangen die Schwalben gleichzeitig in drei anderen Zellen zu bauen an. Halb sind die Nester geschichtet, doch Wächter entdecken sie, und das Grausame geschieht.

In sechs Zellen baut das Paar. Wer kann wissen, was sie treibt. Vielleicht Hoffnung, dass die Menschen ihnen ein Nest gewähren, aus Einsicht und ein wenig Güte.

Die sechs Nester werden weggefegt.

Ich weiß nicht, wievielmal Aufbau und Zerstörung einander folgten. Sieben Wochen dauert der Kampf, ein heldenhafter, ruhmreicher Kampf bayerischer Rechtsbeschützer wider den Geist tierischer Auflehnung. Ein paar Tage bauen die Schwalben nicht mehr, sie haben verzichtet.

Leise spricht es sich von Gefangenem zu Gefangenem: sie haben im Waschraum zwischen den Abflussröhren eine Stelle gefunden, wo keiner sie entdecken kann, nicht der Spähblick des Wächters, der von draußen die Gitter abtastet, nicht der Spähblick des Wächters, der von drinnen Verbotenem nachspürt. Selten lebte reinere Freude im Zellengang. So waren die Schwalben doch Sieger geblieben im Kampf mit menschlicher Bosheit. Jeder Gefangene fühlte sich Sieger mit ihnen. Doch die lauschenden Wächter, an einem Morgen haben sie auch dieses Nest erspäht.

Nun bauen die Schwalben nicht mehr. Abends fliegen sie in eine Zelle, nächtigen dort, eng aneinandergeschmiegt, auf dem Leitungsdraht, fliegen in der Frühe davon. Eines Abends ist das Schwalbenmännchen allein. Die Schwälbin war gestorben.

Vorige Epilogseite Nach oben
Lyrik-Lesezeichen