Schwalben in der deutschsprachigen Lyrik

Ein Schwalben-Sommer

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Ein auffälliger und weit verbreiteter Vogel ist die Schwalbe, der die Nähe des Menschen nicht scheut. Also schwirren und zwitschern sie seit je auch in Gedichten herum. Hier blättern wir einige Seiten mit traditioneller deutschsprachiger Lyrik auf, die Aspekten von Tollers Schwalbenbuch motivisch nahe steht.

Zu Beginn stehen Verse von Stolberg und Busch, die wie Toller einen ganzen Schwalbensommer zum Inhalt haben. Bei Chamisso wird das Schwalbennest zu einem bürgerlichen Familienidyll stilisiert. Daran anschließend formuliert Goethe den bekannten Spruch „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ zu drei Strophen aus.

 

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg (1748-1821)
Das Schwalbenpaar

Ein Schwalbenpaar führte der Lenz mir herbei;
Sie bauten ihr Nest mir über die Tür.
Wie flogen sie her, wie flogen sie hin,
Zu holen den Lehm; wie schlugen sie oft
Mit dem Schnäbelchen an, zu verkitten das Nest!
Sie verkleibten gar wohl und spündeten zart
Ihr kleines Gemach und bezogen's mit Flaum;
Sie legte hinein vier Eier und trug
Den Jungen wohl früh, den Jungen wohl spät
Die Speise; nicht Ruhe sie hatte, nicht Rast.
Das helle Geschrei der hungernden Brut
Erweckte sie früh, erweckte sie spat;
Die Fliegen sind schnell, und die Ameisen schwer
Zu erspähn, und die Piependen fordern so viel!
Sie fastete selbst, um zu ätzen die Brut;
Die wuchs nun heran und verlangte noch mehr.
Da ermattete schier die Mutter und kam
Mit wankendem Flug, vermochte mit Müh'
Den Schnabel noch halb zu öffnen, und flog
Bald wieder auf Jagd, denn Liebe macht stark.
Sie härmte sich ab mit Kummer und Müh',
Sie sorgte mit Angst, in dem Neste sei Not,
Doch hatten vollauf die Jungen; da schlief
Ein jegliches satt, bis sie weckte der Flug
Der Mutter, dann schrie wie verschmachtend die Brut,
Doch waren sie satt und die wachsende Kraft
Trieb schwellende Kiel' aus dem gelblichten Flaum,
Den Kielen entwuchs der Fittiche Paar,
Der Schnabel ward hart und verschnappte schon oft
Die Fliege, so keck sich dem Neste genaht;
Nun flogen sie auf zum benachbarten Dach,
Von dem Dache zum Baum und vom Baume davon.
Die Mutter kam heim zum verödeten Nest,
Sie jammerte laut, sie lockte, sie flog
Vom Nestchen zum Baum und vom Baume zum Nest.
Sie flatterten hin, sie flatterten her;
Sie fastet den Tag, sie seufzet die Nacht.
Ach Schwälbchen, du hast vergessen, wie du
Die Mutter dereinst verließest, auch sie
Hat ängstlich geklagt, als die Jungen entflohn!

 

 

Wilhelm Busch (1832-1908)
Der Türmer

Der Türmer steht auf hohem Söller
Und raucht sein Pfeifchen echten Kneller,
Wobei der alte Invalid
Von oben her die Welt besieht.

Es kommt der Sommer allgemach.
Die Schwalben fliegen um das Dach,
Derweil schon manche stillbeglückt
Im Neste sitzt und fleißig drückt.
Zugleich tritt aus dem Gotteshaus
Ein neuvermähltes Paar heraus,
Das darf sich nun in allen Ehren
Getreulich lieben und vermehren. -

Der Sommer kam, und allenthalben
Schwebt ungezählt das Heer der Schwalben,
Die, wenn sie flink vorüberflitzen,
Des Türmers alten Hut beschmitzen.
Vom Platze unten tönt Juchhei,
Die Klosterschüler haben frei,
Sie necken, schrecken, jagen sich,
Sie schlagen und vertragen sich
Und grüßen keck mit Hohngelächter
Des Turmes hochgestellten Wächter. -

Der Sommer ging, die Schwalben setzen
Sich auf das Kirchendach und schwätzen.
Sie warten, bis der Abend da,
Dann flogen sie nach Afrika.
Doch unten, wo die Fackeln scheinen,
Begraben sie mal wieder einen
Und singen ihm nach frommer Weise
Ein Lebewohl zur letzten Reise.

Bedenklich schaut der Türmer drein.
Still geht er in sein Kämmerlein
Zu seinem großen Deckelkrug,
Und als die Glocke zehne schlug,
Nahm er das Horn mit frischem Mut
Und blies ein kräftiges Tuhuht.

 

 

Adelbert von Chamisso (1781-1838)


Mutter, Mutter! unsre Schwalben -
Sieh doch selber, Mutter, sieh!
Junge haben sie bekommen,
Und die Alten füttern sie.

Als die lieben kleinen Schwalben
Wundervoll ihr Nest gebaut,
Hab ich stundenlang am Fenster
Heimlich sinnend zugeschaut;

Und wie erst sie eingerichtet
Und bewohnt das kleine Haus,
Haben sie nach mir geschauet
Gar verständig klug hinaus.

Ja, es schien sie hätten gerne
Manches heimlich mir erzählt,
Und es habe sie betrübet,
Was zur Rede noch gefehlt.

Also hab ich, liebe Schwalben,
Unverdrossen euch belauscht,
Und ihr habt, mit euren Rätseln,
Wunderseltsam mich berauscht;

Jetzt erst, jetzt hat das Geheimnis,
Das ihr meintet, sich enthüllt,
Eure heimlich süße Hoffnung
Hat sich freudig euch erfüllt.

Sieh doch hin! die beiden Alten
Bringen ihnen Nahrung dar.
Gibt es Süßeres auf Erden,
Als ein solches Schwalbenpaar!

 

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
März

Es ist ein Schnee gefallen,
Denn es ist noch nicht Zeit,
Dass von den Blümlein allen,
Dass von den Blümlein allen
Wir werden hoch erfreut.

Der Sonnenblick betrüget
Mit mildem, falschem Schein,
Die Schwalbe selber lüget,
Die Schwalbe selber lüget,
Warum? Sie kommt allein!

Sollt ich mich einzeln freuen,
Wenn auch der Frühling nah?
Doch kommen wir zu zweien,
Doch kommen wir zu zweien,
Gleich ist der Sommer da.

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