Vorige Gedichteseite

Schwalben in der deutschsprachigen Lyrik

Schwalbensymbolik

Nächste Gedichteseite

Zu einer prägnanten symbolischen Besetzung hat es die Schwalbe nirgends gebracht, vergleicht man sie etwa mit Adler, Eule, Taube und Nachtigall, denen in Mythen, Religionen, Kunst- und Literaturgeschichte bis in die Alltagssprache Bedeutungen und Wertigkeiten zugewiesen sind.

In der deutschen Lyrik tritt sie öfter in Verbindung mit Belangen der Erotik und Liebe, wie dies auch bei Toller spürbar ist. Zu Beginn wird ihr von Ada Christen die Rolle eines Glückszeichens trauter Häuslichkeit zugeschrieben. Deutlicher wird der Bezug, wenn sie als Morgenvogel auftritt, etwa bei Max Dauthendey. Adolf Friedrich von Schack lässt sie gar anstelle der sonst in der europäischen Literaturgeschichte typischen Lerche mit ihrem Gesang das Ende der Liebesnacht einläuten. Von Schnabel bis Schwänzchen auf Liebe eingestellt haben die Schwalbe Felix Dahn, der ihr sein Herz nachfliegen lässt, und Achim von Armin, der sie als Liebesboten einspannt. Einen aparten Schluss liefert Hermann Löns, der den Liebesliedern der Nachtschwalbe Verse ablauscht.

 

Ada Christen (1839-1901)


Schau! über unserm Fenster
Da bauet rasch und fest
Ein schmuckes Schwalbenpärchen
Behutsam sich sein Nest.

Das ist ein gutes Zeichen!
Die bringen Glück und Freud,
Wenn auch die Ahne sagte:
»Das schwatzen dumme Leut.«

Sie war stets eine kalte,
Bärbeißig-harte Frau,
Nur Unglückszeichen konnte
Sie deuten ganz genau.

 

 

Max Dauthendey (1867-1918)
Nur der Verliebte träumend lacht und nie erwacht

Der Morgenmond geht krumm und weiß
Nach einer Nacht, gealtert wie ein Greis,
Stumm ohne Schein ins Feld hinein.

Die Schwalben ziehen Schleifen um das Dach
Und eilen wie die Morgenboten wach.
Wie ein Geschoss reißt jede sich vom Giebel los.

Vom Nachtgespenst blieb nicht ein Schatten da,
Und jeder Baum steht neu im Morgen nah.
Nur der Verliebte träumend lacht und nie erwacht.

 

 

Adolf Friedrich von Schack (1815-1894)
Mainacht

An deiner Seite so gerne
Durchträum' ich die Frühlingsnacht;
Treu halten die heiligen Sterne
Vor deinem Fenster die Wacht,
Indes wir in Armen uns hangen,
In Seele die Seele versinkt
Und Mund von Mund in langen
Zügen den Atem trinkt.

Aus Wipfeln, drin Vögel brüten,
Wirft sanft der duftende Mai
Seine Knospen und Blüten
Herab auf uns selige zwei,
Und durch die Fensterbogen
Nachtwandelnd weht der Wind
Deine Locken in Wogen
Über mein Haupt gelind.

Wir zittern, wir erblassen
Vor Liebe, und jedem quillt
Im wonnetränennassen
Auge des andern Bild.
Ach! steigt schon im Osten der rote
Schimmer des Morgens empor?
Nein, durch den Himmel lohte
Ein nächtliches Meteor.

Tausend Geheimnisse müssen
Wir noch einander vertraun,
Und tausend Küsse noch küssen,
Eh' der Morgen beginnt zu graun.
Was scheuchst du mit deinem Gesange,
O Schwalbe, so frühe die Nacht?
Schweig, schweig! Und haltet noch lange,
Ihr heiligen Sterne, die Wacht!

 

 

Felix Dahn (1834-1912)
Die Schwalbe

Siehst du schweben die Schwalbe dort,
Herz, hoch oben im Ätherblau?
So hoch kannst du dich schwingen auch: -
Herz, entfalte die Flügel!

 

 

Achim von Arnim (1781-1831)
Verabredung zum Ball

Es lag der Schnee so drückend,
Dass meine Laube brach,
Der Frühling kam entzückend,
Macht ihr ein buntes Dach;
Es wird mir alles noch werden.

Die Schwalbe kam geflogen
Und flog in meine Hand,
O sprich, wer mir gewogen,
Wer dich mir zugesandt;
Es wird mir alles noch werden.

Und darfst du es nicht sagen,
Ich lass dich dennoch frei,
Du magst der Jungfrau klagen,
Dass ich nicht bei ihr sei;
Es wird mir alles noch werden.

Und sag' ihr, wie ich pflanze
Und wie die Saat hier grünt,
Und dass ich wohl zum Tanze
Mir ihre Hand verdient;
Es wird mir alles noch werden.

Und bring' die Blumen alle
Zu ihrer freien Wahl,
Und wenn ich ihr gefalle,
So trägt sie die im Saal;
Es wird mir alles noch werden.

Und trägt sie die am Herzen,
So soll's ein Zeichen sein,
Dass ich nach Tanz und Scherzen
Zu ihr darf gehen ein;
Es wird mir alles noch werden.

Die Bienlein summen Lehren
Und warnen uns davor,
Ich schwör's, du bleibst bei Ehren,
Ich bin ein frommer Tor;
Es wird mir alles doch werden.

 

 

Hermann Löns (1866-1914)
Die Tannendickungen düstern ...

Die Tannendickungen düstern
Im Mondschein schwarz und schwer,
Im Gaukelflug kommt darüber
Schwebend die Nachtschwalbe her.

Auf und nieder tanzend
Sie ihr Weibchen umzieht,
Girrend ertönt ihr goldenes
Jauchzendes Liebeslied.

Liebe, irdische Liebe,
Auch den Vogel der Nacht,
Den düsteren Vogel des Schattens,
Hast du zum Sänger gemacht.

Vorige Gedichteseite Nach oben Nächste Gedichteseite
Lyrik-Lesezeichen