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Über die Website zum Schwalbenbuch

Ernst Tollers Schwalbenbuch – eine Einführung

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Von Werner Schmitt

Ich habe eine stille Liebe zu Tollern. Der Mann hat das, was wir heute alle sagen, in den Jahren 1916 und 1917 gesagt, als das noch Kopf und Kragen kostete; er hat seine Gesinnung auch im Kriege entsprechend betätigt; er hat diese Gesinnung durchgehalten, mit der Tat und mit dem Wort, und er hat für diese seine Gesinnung bezahlt. Und das darf man nie vergessen.

(Kurt Tucholsky in Die Weltbühne, 1931)

Ernst Toller blickte auf ein durch die große Politik verunstaltetes Leben zurück, als er diesem am 22. Mai 1939 in einem New Yorker Hotel ein Ende setzte. All seiner Habe beraubt, hatte er 1933 vor dem Naziregime ins Exil fliehen müssen.

Der 21-jährige Student war 1914 noch als begeisterter Freiwilliger in den 1. Weltkrieg gezogen, kehrte aus Schützengräben und Lazaretten geläutert zurück und suchte sein Heil sowohl in der Literatur als auch im aktiven Einsatz für eine sozialistische Revolution. Seine führende Stellung in der kurzlebigen bayerischen Räterepublik 1918/19 brachte ihm fünf Jahre Festungshaft ein.

1922 geschah dabei im Gefängnis Niederschönenfeld ein „Wunder“: Ein Schwalbenpaar nistete in seiner Zelle. „Was sie ihm schenkten, davon suchte er zu stammeln“, schreibt er im Epilog von Das Schwalbenbuch, dem daraus gewonnenen und 1924 veröffentlichten Werk.

In Tollers Schaffen kommt ihm eine Ausnahmestellung zu. Weder vorher noch nachher hat er etwas Vergleichbares geschrieben, Lyrik beschäftigte ihn nur sporadisch, so im ebenfalls in der Gefangenschaft entstandenen Sonettenkreis Gedichte der Gefangenen (1918-21). Diese ersticken jedoch die unverfälschte Empfindung, die Das Schwalbenbuch auszeichnet, mit Formstrenge und altbackenen Formulierungen. Dessen persönliche Authentizität und formale Vielfältigkeit wird bei diesem Vergleich augenfällig.

Ob man es als zyklisches Gedicht, Gedichtezyklus oder lyrisch-komprimiertes Erzählen ansieht, ist einerlei. Es verbindet Schilderungen der Gefängniswirklichkeit, Reflektionen, hymnische und elegische Momente; seine Sprachebenen reichen vom liedhaften und schlichten Ton bis zu expressiver Verdichtung und rhetorischem Pathos.

Nach der Niederschrift des Schwalbenbuches 1923 ist Tollers lyrische Produktion völlig erloschen. Sein hauptsächliches Ausdrucksmittel war schon seit Schülerzeiten die Theaterbühne, seine in der Haft 1919-24 entstandenen Stücke (z.B. Die Wandlung, Masse -­ Mensch) erlebten Erfolge und Skandale, ließen ihn zum weltweit meistgespielten deutschsprachigen Autor seiner Zeit werden.

Große Wirkung erzielte er daneben als öffentlicher Redner und Vortragender, wozu ihn weniger Partei-Interessen als das Engagement gegen Krieg und für eine gerechtere Gesellschaft antrieb. Nach seiner Haft wandte er sich vor allem Reisebeschreibungen, Essays, neben dem Theater auch Radio- und Filmprojekten zu und veröffentlichte seine Autobiographie bis zur Entlassung aus der Haft Eine Jugend in Deutschland.

Tollers Ruhm als Autor ist verwelkt, sowohl sprachlich-ästhetisch als auch thematisch blieb er zu sehr seiner Zeit verhaftet. Sein Werk ist jedoch nicht lediglich von historischem Interesse, denn es wird dahinter ein Mensch spürbar, der als linker Intellektueller die volle Härte seiner Epoche erlitt, bis zuletzt aufrecht blieb und sich die menschliche Wärme bewahrte. Und diese ist es, die sich in seinem Schwalbenbuch, das zu seinem am häufigsten übersetzten Werk wurde, am Unmittelbarsten ausdrückt.

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