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Der Weg zum Schwalbenbuch

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Das kümmerliche Gras auf dem Hof sprosst. Es wird Frühling. Hörst du: Frühling. Man schreit das Wort heraus, singt es vor sich hin, streichelt es wie ein kostbares Gefäß. Wie viele Jahre hab ich den Frühling nicht mehr erlebt. Im vorigen Jahr vor entfesselter Soldateska in den Wohnungen opferbereiter Freunde verborgen, vor zwei Jahren im Militärgefängnis, vorher der Krieg, der hundert Jahre dauerte oder mehr – man weiß es nicht.

Ich hab im Gras die ersten Gänseblümchen entdeckt, weiße Gänseblümchen mit einem rosigen Hauch.

Und eine goldgelbe Butterblume blinzelt am Zaun. Die Bäume tragen winzige Knospen. Ich beobachte jeden Tag, wie sie größer werden.

Und gestern, da ich durchs vergitterte Fensterloch blickte, sah ich die Birke, die einen grünen Schleier trug.

Auch die Weidenbäume am Teich draußen schimmern in einem samtenen Grün.

O Grün der Wiesen und Felder. Farbentanz grüner Sonnen. O sanftes Wunder dieser Tage.

[Aus einem Brief an Netty Katzenstein im Jahr 1920, Ernst Toller: Briefe aus dem Gefängnis (Gesammelte Werke 5, herausgegeben von John M. Spalek, Wolfgang Frühwald). München: Carl Hanser Verlag 1978, S. 22f]

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Eigentlich sollte dieser Brief mit dem Fazit einer rezeptiven Arbeit beginnen. Aber das ist nicht möglich. Warum? Weil mich vor wenigen Minuten ein seltsamer Besuch beglückte. Zwei Schwalben hatten mich besucht. Erst saßen sie auf dem zurückgeklappten Fenster meines Gitterlochs, dann flogen sie auf den Draht der elektrischen Leitung, der halbkreisförmig nach unten ausgebuchtet über meinem Tisch schwebt. Dort zwitscherten sie, rutschten hin und her, kraulten sich den schwarzen Rücken und die weißen Bäuchlein, vergaßen auch nicht, ihre Visitenkarte abzugeben, die respektvoll zwei Bücher grüßte: Tassos Befreites Jerusalem und Miltons Verlorenes Paradies. In stiller Heiterkeit schaute ich dem anmutigen Besuch zu – wunschlos.

[Aus einem Brief an Netty Katzenstein vom 18.05.1921, Ernst Toller: Briefe aus dem Gefängnis (Gesammelte Werke 5, herausgegeben von John M. Spalek, Wolfgang Frühwald). München: Carl Hanser Verlag 1978, S. 65f]

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Das Zeichen, das ich Dir schicke, ist diese Rebhuhnfeder. Schau sie Dir an: wie wohl das warme Braun dem Auge tut, wie besänftigend die rötlich matte Tönung. Die Zartheit der schwarzen und weißen Tupfen an den Spitzen.

Ich will dir die Geschichte der Feder erzählen. Von dem Rebhuhn schrieb ich Dir, das ich, von Frost fast gelähmt, im Hof fand und mit auf meine Zelle nahm. Aber bevor ichs nach oben tragen konnte, musste ich warten, bis die Hoftür vom Aufseher geöffnet wurde. Was mit dem frierenden Tier tun? Ich nahms unter den Mantel. Der wärmte nicht genug. Unters Jackett. Unter die Weste. Schließlich öffnete ich das Hemd und tats dahin, wo es am ehesten sich wärmen konnte, an die Brust. Es fühlte sich ganz wohl da, schmiegte sich still an und zog das Köpfchen ein. Am Abend (es hatte sich in der Zelle erholt und war längst wieder davon geflogen), fand ich beim Ausziehen die Feder als einen Gruß. Dir geb ich ihn weiter.

[Aus einem Brief an Netty Katzenstein vom 24.01.1924, Ernst Toller: Briefe aus dem Gefängnis (Gesammelte Werke 5, herausgegeben von John M. Spalek, Wolfgang Frühwald). München: Carl Hanser Verlag 1978, S. 174f
Der Brief ist erst nach Entstehung des Schwalbenbuchs geschrieben worden, zeigt aber Toller als Menschen, der allen Lebewesen zugetan ist, was seine Bereitschaft erklärt, den Schwalben Obdach zu gewähren.]

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Meine Beziehung zu allem Lebendigen wird immer fragiler. Als Knabe, als halbwüchsiger Bursche schoss ich Hasen, war leidenschaftlicher Jäger, mit Grauen denke ich heute daran. Dann kam der Krieg und Monate in Erdlöchern, in Waldverstecken und ein inniges Gefühl für Tier und Baum.

Ich habe vor einem Jahr tagelang nicht arbeiten, kaum schlafen können, so sehr war ich erregt über eine Mäusejagd, die Genossen im Hof anstellten, wobei sie die Mäuse in Eimern, die mit Wasser gefüllt waren, ersäuften. Eigentlich ist es falsch zu sagen, ich war erregt, irgendein heftig bohrendes Gefühl, das Du aber nicht mit sentimentaler Empfindlichkeit gleichsetzen darfst, quälte mich. Und heute begreife ich nicht mehr, wenn Menschen Unterschiede machen zwischen lebendigen Wesen und toten Dingen, ich lächle über die Unterscheidung. Ich gehe so weit, zu behaupten, dass der Stein gerade so ein Herz hat wie der Mensch, wie das Tier, dass in der Schneeflocke grad so der Atem des Lebendigen wirkt wie in der Blume. Neulich brachte die Berliner Illustrierte Zeitung Bilder von Schneeflocken, durchs Mikroskop gesehen. Welche herrlichen Formen. „Tote“ Flocken!

Es gehört zur Arroganz des Bildungsmenschen, Begriffe wie „Aufsteigen“ vom Anorganischen zum Organischen zu prägen, wo Verstummen geziemt.

[Aus einem Brief an Netty Katzenstein vom 14.03.1923, Ernst Toller: Briefe aus dem Gefängnis (Gesammelte Werke 5, herausgegeben von John M. Spalek, Wolfgang Frühwald). München: Carl Hanser Verlag 1978, S. 143f]

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