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Schwalben in der deutschsprachigen Lyrik

Abschied und Wiederkehr

Neben erotischen Verbindungen sind allerdings auch den Lyrikern vor allem das Zugverhalten und die Ortstreue der Schwalbe aufgefallen. Während Dauthendey dies noch in Verbindung mit einer gescheiterten Beziehung wahrnimmt, liefert die romantische Volkslied-Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ schier ein Muster für die Jahreszeitenfolge mit Schwalben, ähnlich auch ein Kinderlied von Hoffmann von Fallersleben. Für Louise Otto und Gustav Sack sind die in wärmere Länder gezogenen Schwalben Protagonisten der Herbstwehmut. Wilhelm Müller begrüßt sie schließlich wieder als Glücksboten, während er um Wanderlust und Wanderharm sinnt.

 

Max Dauthendey (1867-1918)


Unsere Augen so leer,
Unsere Küsse so welk,
Wir weinen und schweigen,
Unsere Herzen schlagen nicht mehr.

Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer,
Die Schwalben scheiden,
Sie kommen wieder,
Aber nie mehr uns beiden.

 

 

Des Knaben Wunderhorn, hrsg. von Achim von Arnim und Clemens Brentano, 1806-09
Die Schwalben

Es fliegen zwei Schwalben ins Nachbar sein Haus,
Sie fliegen bald hoch und bald nieder;
Aufs Jahr, da kommen sie wieder,
Und suchen ihr voriges Haus.

Sie gehen jetzt fort ins neue Land,
Und ziehen jetzt eilig hinüber;
Doch kommen sie wieder herüber,
Das ist einem jeden bekannt.

Und kommen sie wieder zu uns zurück,
Der Baur geht ihnen entgegen;
Sie bringen ihm vielmal den Segen,
Sie bringen ihm Wohlstand und Glück.

 

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Der Schwalben Abschied

O sieh, wie allenthalben
Sich sammeln unsre Schwalben!
Sie haben sich auf den dürren Ast
In unserm Apfelbaum gesetzt
Und halten noch eine kurze Rast
Und zwitschern ein Lied zu guter Letzt:
Fort, fort, fort, ich ziehe fort.
Zirrrrrr!

An einen andern Ort,
Den Sommer, den ich machte,
Das gute Wetter, das ich brachte,
Nehm' ich mit, nehm' ich mit.
Zirrrrrr!

Gott bewahre dich, wirtlich Haus,
Und was gehet ein und aus.
Zirrrrrr!

Wir kehren wieder und bringen zurück
Euch neue Lieder und neues Glück.
Zirr, zirr, zirrrrrr!

 

 

Louise Otto (1819-1895)
Die Schwalben

Einstmals die Schwalben kamen
Mit fröhlichem Gesang,
Jetzt ziehen fort sie wieder
Und schweigen alle bang.

Das ist ein gutes Zeichen:
Sie brachten Lieder her,
Die bleiben uns zurücke,
Drum singen sie nicht mehr.

Wir aber können singen
Nun auch bei Eis und Schnee -
Die Schwalben stille ziehen
Habt Dank! - Ade! Ade!

 

 

Gustav Sack (1885-1916)
Herbst

Die Schwalben sammeln lärmend ihre Züge
und stieben von den Telegraphendrähten,
als ob der Herbst mit Daunenkissen schlüge
und wirbelnd aus den aufgeplatzten Nähten
die weiße Wolle in den Himmel würfe.

Dann fliegen sie in ferne Palmenländer –
und eine Krankheit wird die Welt befallen,
bis über ihre purpurnen Gewänder
die hohlen Winde aufeinander prallen
und lange Nächte durch unsinnig wüten.

Und hangend wie in ungeheuren Schächten,
wirst du mit weiten Augen lauschend liegen
in diesen lauten windewilden Nächten;
kein Arm wird sich um deine Schulter schmiegen,
und dir wird sein, als ob dein Herz zerfiele.

 

 

Wilhelm Müller (1794-1827)
Heimkehr

Vor der Türe meiner Lieben
Häng' ich auf den Wanderstab,
Was mich durch die Welt getrieben,
Leg' ich ihr zu Füßen ab.

Wanderlustige Gedanken,
Die ihr flattert nah und fern,
Fügt euch in die engen Schranken
Ihrer treuen Arme gern!

Was uns in der weiten Ferne
Suchen hieß ein eitler Traum,
Zeigen uns der Liebe Sterne
In dem traulich kleinen Raum.

Schwalben kommen hergezogen -
Setzt euch, Böglein, auf mein Dach!
Habt euch müde schon geflogen,
Und noch ist die Welt nicht wach.

Baut in meinen Fensterräumen
Eure Häuschen weich und warm!
Singt mir zu in Morgenträumen
Wanderlust und Wanderharm!

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