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Über die Website zum Schwalbenbuch

Die Wiederentdeckung des Schwalbenbuchs

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Von Hans-Peter Kraus

Es begann mit einem Buch: Auf der Suche nach englischsprachiger Lektüre fiel mir The Penguin Book of First World War Prose in die Hände. Der Erste Weltkrieg als Literaturthema hatte natürlich auch bei mir durch Erich Maria Remarques Im Westen nicht Neues bleibende Spuren hinterlassen. Dieser Sammelband versprach das Bild wesentlich zu erweitern, denn es kamen Autoren aus England, Amerika, Frankreich und Deutschland zu Wort.

Auf deutscher Seite waren neben Ausschnitten aus Remarques Klassiker u.a. dabei Ernst Glaeser (Jahrgang 1902), Arnold Zweig (Der Streit um den Sergeanten Grischa), Ludwig Renn (Krieg) und – Ernst Toller mit seiner Autobiographie Eine Jugend in Deutschland.

So seltsam es ist, einen deutschsprachigen Autor in englischer Sprache zu entdecken, passt es zur Geschichte seiner Autobiographie. Zuerst erschien sie 1933 in Amsterdam, als Toller bereits im Exil leben musste. Die englische Übersetzung unter dem Titel I was a German folgte innerhalb eines Jahres. Erst nach dem Ende der Nazi-Herrschaft konnte das Buch in Deutschland erscheinen.

Von den Ausschnitten im Penguin-Band zum Ersten Weltkrieg blieb mir besonders das „Erweckungserlebnis“ in Erinnerung (siehe unter Der Schwalbenweg Nr. 5). Neugierig geworden besorgte ich mir die deutschsprachige Fassung von Eine Jugend in Deutschland. Die nüchterne Erzählweise, Authentizität und humanistische Haltung Tollers – das alles gefiel mir.

Meine nächste Station war das Rowohlt-Taschenbuch Ernst Toller – Prosa, Briefe, Dramen, Gedichte. Und dort fand ich weit hinten im Buch etwas, auf das mich die gesamte vorherige Lektüre nicht vorbereitet hatte: Das Schwalbenbuch. Auf 22 Taschenbuchseiten zusammengequetscht präsentierte sich mir eines der großartigsten Stücke deutschsprachiger Lyrik.

Auch wenn manches zeitbedingt etwas überkandidelt wirkte, war das Lyrik, wie ich sie mir wünschte: eine klare Sprache, mitten im Leben stehend, eine nachvollziehbare Gefühlswelt.

Und es war eine zeitlose Geschichte. Hier war jemand gefangen gehalten in einer künstlichen Welt, wie sie sich nur Menschen erschaffen können, der wieder zurückfand zur Natur und zum Leben durch die Natürlichkeit und Vorurteilslosigkeit der Schwalben.

Ein hinterer Platz auf den Seiten eines vergilbten Taschenbuchs konnte nicht der richtige Ort für dieses Werk sein. Obwohl meine Entdeckung Anfang des Jahres 2000 stattfand, tat ich etwas, das eigentlich aus der Zeit vor Gutenberg stammt: Ich schrieb das komplette Schwalbenbuch ab.

Der Transport per E-Mail an Werner Schmitt war wieder zeitgemäß und das Resultat überraschend. Während wir sonst bei Lyrik meistens einer Meinung sind – er seiner, ich meiner –, hier waren wir der gleichen Meinung: Das Schwalbenbuch war etwas Besonderes.

Da das Urheberrecht ein Werk erst siebzig Jahre nach dem Tod seines Urhebers freigibt, hieß es nun, knapp zehn Jahre zu warten, um Das Schwalbenbuch wieder an die Öffentlichkeit zu bringen.

Zehn Jahre. Auch wenn es in dieser Zeit nie in Vergessenheit geriet, waren die gemeinsamen Projekte mit Werner Schmitt nicht davon beeinflusst, brachten uns aber der Möglichkeit näher, das Buch neu herauszubringen.

Wir bauten eine sehr erfolgreiche Lyrik-Website auf, die es uns erlaubte, ein Projekt zu verwirklichen, bei dem das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag kein Kriterium sein musste. Wir gaben ein Buch heraus, das auf unserer Website beruhte und sammelten so erste Erfahrungen im Bücherproduzieren. Und dann im Jahr 2009 waren wir so weit, dass wir Das Schwalbenbuch in Angriff nehmen konnten, um es rechtzeitig 2010 fertig zu haben.

Nun ist es da und wartet auf Ihre Wiederentdeckung.

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