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Der Weg zum Schwalbenbuch

Der Schriftsteller

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Als Kinder sind wir dem Kreatürlichen, den Dingen in einer Weise verbrüdert, deren tiefe Lebensnähe wir erst als Männer ahnen. Dann kommen die Jahre, wo wir scheiden und unterscheiden, durch Erkenntnis verwerfen und bejahen, wo wir Intellektuelle werden und unser Hirn sich anfüllt mit dem Wissensstoff und dem Bücherextrakt gelebter Kämpfe. Wo wir uns vom Sinnlich-Lebendigen entfernen und vorstoßen in das Reich der Abstraktionen. Jetzt beginnt die große Wegscheidung. Die meisten finden nicht mehr heraus. Sie glauben das Leben zu deuten und – wissen nicht, wie fern sie dem Leben sind. Wenigen gelingt es, alles Wissen haltend, hineinzuwachsen in einen neuen Stand der Kindheit, der mit der ersten Kindheit gemeinsam hat die tiefe, instinktsichere Lebensnähe und ihr voraus hat das umfassende Wissen. Dort ist der Mensch zugleich in allem und über allem.

[Aus einem Brief an einen jungen Arbeiter vom 25.06.1923, Ernst Toller: Briefe aus dem Gefängnis (Gesammelte Werke 5, herausgegeben von John M. Spalek, Wolfgang Frühwald). München: Carl Hanser Verlag 1978, S. 155]

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Ich fixiere meine Einfälle nicht. Meistens ist es so, dass Monate nach dem ersten Einfall vergehen, bis ich das Werk schreibe. In diesen Monaten geistigen Bauens lasse ich Alles, was zum Werk Beziehung hat, gleichsam in mich hineinfallen. Im Allgemeinen kann ich morgens kaum arbeiten. Aber in Tagen, da ich ein größeres Werk schreibe, arbeite ich zu jeder Zeit, unterbreche nur, wenn mir die Finger vom Schreiben klamm werden. Ich brauche, wenn ich mit Tinte schreibe, eine bestimmte Feder. Und Stille. Ich rauche viel, meide jede Art von Geselligkeit. Entwürfe mache ich selten. Wenn es geschieht, andeutende Skizzen. Ich schreibe sehr schnell. Trotzdem zu langsam. Es baut sich rascher auf, als ich mechanisch folgen kann. Ich korrigiere viel. Bis ich die Arbeit in Druck gebe, können viele Monate vergehen, in denen ich ganze Teile und einzelne Worte ständig umarbeite. Auch Korrekturfahnen ändere ich. Ich sehe das Stück gleichsam neu, wenn es das erste Mal gedruckt vor mir liegt. Das fertige Buch lese ich nie mehr. Es sei denn, wenn ich bei Vorlesungen einzelne Kapitel sprechen muss. Auch dann geschieht es nach Überwindung starker Hemmungen. Ob ich Lust habe, fertige Bücher noch einmal zu schreiben? Man könnte mich ebensogut fragen, ob ich ein Stück gelebtes Leben noch einmal von vorne beginnen möchte.

[Ernst Toller: Zur Physiologie des dichterischen Schaffens, in: Die literarische Welt, 18.09.1928, S. 204, zitiert nach: Richard Dove: Ernst Toller. Ein Leben in Deutschland, Göttingen: Steidl Verlag 1993, S. 184
Die Beschreibung der Arbeitsweise als Autor ist das letzte Stück, das chronologisch nicht für den Weg zum Schwalbenbuch passt. Es bezieht sich jedoch klar auf vergangene Stücke und sollte daher für das Schwalbenbuch aussagekräftig sein.]

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Es wächst ein eigentümliches Buch, das „Schwalbenbuch“, wächst, ohne dass ich viel dazu tue, wächst nach seinem eigenen Rhythmus, nach seinen eigenen Gesetzen.

[Aus einem Brief an Netty Katzenstein vom 29.07.1923, Ernst Toller: Briefe aus dem Gefängnis (Gesammelte Werke 5, herausgegeben von John M. Spalek, Wolfgang Frühwald). München: Carl Hanser Verlag 1978, S. 160]

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Die Wurzel jedes Gedichts ist Erlebnis.
Was wir Form nennen, ist Liebe.

[Aus einem undatierten Brief an Romain Rolland, Ernst Toller: Briefe aus dem Gefängnis (Gesammelte Werke 5, herausgegeben von John M. Spalek, Wolfgang Frühwald). München: Carl Hanser Verlag 1978, S. 160]

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