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Das Schwalbenbuch

Die Gitter hielten Totenwacht

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Ein Freund starb in der Nacht.*

Allein.

Die Gitter hielten Totenwacht.

 

Bald kommt der Herbst.

 

Es brennt, es brennt ein tiefes Weh.

 

Verlassenheit.

 

Hand am Gitter

 

 

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O dumpfer Sang unendlicher Monotonie!

O ewiges Einerlei farblos zerrinnender Tage!

Immer

Wird ein Tag sein

Wie der letzte,

Wie der nächste,

Immer.

 

Zeit ist ein grauer Nebel. Der setzte sich in die Poren Deiner

unendlichen Sehnsucht.

 

Das Stückchen blauer Himmel ist gespießt von rostigen

Eisenstäben,

Die aus dem Gitterloch Deiner Zelle aufbrachen,

Auf Dich zuwanderten

Zu

Wanderten

Zu

Wanderten ...

Erst wehrtest Du Dich,

Aber die Gitterstäbe waren stärker als Du.

Nun wachsen sie in Deinen Augen,

Und wohin Du blickst,

Überall

Überall siehst Du Gitterstäbe.*

Noch das Kind, das im fernen, ach so fernen

lupinenblühenden Feld spielt,

Ist gezwängt in die Gitterstäbe Deiner Augen.

Oh -

 

Deine Nächte, Deine Traumnächte verzweifelte Harlekinaden.*

 

Deine Nägel kratzen am Sargdeckel tauber Verlassenheit.

 

 

Nirgends blüht das Wunder.

 

 

Musik ist

 

 

 

Wälder sind

 

 

 

 

Frauen sind

 

Es blüht irgendwo die Gebärde eines sanft

sich biegenden Nackens

Es wartet irgendwo eine Hand, die sehr

zärtlich ist und voll süßester Wärme

 

Nirgends     blüht     das     Wunder.

 

 

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Kalt wurde das Buch in meiner Hand,

So kalt, so kalt.

Die schwarzen Lettern schwarze Berge, die zu wandern

begannen im Geäder meines Herzens.

Die raschelnden Blätter Schneefelder am Nordpol endloser

Ohnmacht.

 

Ich friere.

Die Welt gerinnt.

Es muss schön sein einzuschlafen jetzt,

Kristall zu werden im zeitlosen Eismeer des Schweigens.

Genosse Tod.

Genosse, Genosse ...

 

Zirizi Zirizi Zirizi

Zizizi

Urrr

 

Dass man, nahe der dunklen Schwelle,

Solche Melodie vernimmt, so irdischen Jubels, so irdischer

Klage trunken ...

Träume, meine Seele, träume,

Lerne träumen den Traum der Ewigkeit.

Zirizi Zirizi Zirizi

Zizizi

Urrr

 

Fort fort, Genosse Tod, fort fort,

Ein andermal, später, viel später.

 

Über mir     über mir,

Auf dem Holzrahmen des halbgeöffneten Gitterfensters,

das in meine Zelle sich neigt in erstarrter Steife, so als ob es sich betrunken hätte und im Torkeln gebannt ward von einem hypnotischen Blick,

Sitzt

Ein

Schwalbenpärchen.

Sitzt

Wiegt sich! wiegt sich!

Tanzt! tanzt! tanzt!

 

 

Weichet zurück Ihr schwarzen Berge! schmelzet Ihr

Schneefelder!

Sonne Sonne, zerglühe sie! zerglühe sie!

 

 

Mütterliche!

 

 

Welche Landschaft wächst aus den verstaubten

melancholischen Zellenecken?

Tropische Felder, Farbenrausch sich entfaltender Orchideen!

Regina Noctis!*

 

Und darüber     darüber

Mein Schwalbenpaar.

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